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Das Magazin - Oben ohne in Wöbbelin

 
In Mecklenburg-Vorpommern wird ein Volkswagen-Cabrio gebaut, das die bei VW wohl selber gern hätten: das New Beetle Cabrio. Lars Decker besuchte Martin Ebert, der nicht nur mit der TÜV-geprüften offenen Beetles-Version den Wolfsburgern die Show stiehlt

Hinter den Grillspezialitäten aus der Schweine Bude geht es nach rechts auf die Wöbbeliner Dorfstraße, vorbei an Bärbels Eiskaffee, Holz-Fuchs, einem Küchenstudio - und dem Nachtclub Cherie

Der sorgte vor ein paar Jahren für einen handfesten Skandal in Wöbbelin, als ein neuseeländischer Filmemacher eine Reportage über den Club drehte mit dem Titel Unser Dorf hat einen Puff. Autobauer Martin Ebert amüsiert sich: » Als der Film in der ARD lief, hockte das ganze Dorf vor dem Fernseher. Natürlich kannte niemand von den Dorfbewohnern das Etablissement von innen, aber alle wußten, was es kostet.« Auch Ebert kommt in dem Film zu Wort. Auf die Frage, warum sich das Bordell ausgerechnet hier in Wöbbelin angesiedelt habe, antwortet er: "Aus dem gleichen Grund wie wir - wegen der verkehrsgünstigen Lage." Dann sagt er trocken: "Die haben ihre Käfer, wir haben unsere".

Martin Ebert liebt Käfer. Sein ganzes Haus ist voll davon: auf dem Briefkasten, im Flur, auf Tischen und Wänden, über der Klopapierrolle im Bad - überall hocken die Dinger. Und auf dem Hof stehen sie bewegungslos in Reih und Glied. Eberts Käfer kommen aus Mexiko, von Volkswagen. In einer ehemaligen LPG in Wöbbelin in Mecklenburg-Vorpommern feiert das Wirtschaftswunderauto aus dem Westen seit der Wende ein glanzvolles Comeback. Die Vormittagssonne über dem 1 000-Seelen-Örtchen taucht das kleine Büro der Beetles Revival Fahrzeughandels GmbH in warme Farben. Es ist gemütlich wie das Vereinszimmer eines Käfer-Fanclubs: zusammengewürfeltes Mobiliar, überall Fotos, Poster, Automodelle. Die Kaffeemaschine blubbert zufrieden vor sich hin. Martin Ebert ist ein Käfernarr. »Der Wagen ist zeitlos und ewig jung. Er hat ein freundliches Gesicht mit runden Kulleraugen, das immer lächelt - eben ein happy face. Die Erfolgsstory des geborenen Niedersachsen Ebert aus Lüneburg beginnt eigentlich mit einem Ende: 1985 stellt der VW-Konzern den Import des Käfers aus Puebla in Mexiko und damit den Käfer-Verkauf in Deutschland ein. Ende der siebziger Jahre hatten die Wolfsburger die Produktion aus Kostengründen auf den amerikanischen Kontinent verlagert. Nun heißt es offiziell, der Verkauf lohne nicht mehr. Seit der Einführung des moderneren Golfs fänden sich immer weniger Käufer. In Wirklichkeit fürchtet der VW-Konzern um sein Image. Das Fahrzeug ist nach rund 40 Produktionsjahren technisch total veraltet. Außerdem gibt es für den Käfer keinen Katalysator. Der Verkaufsstopp löst einen Aufschrei des Entsetzens aus - nicht nur unter Käferfans. Dieses klassenlose Volksauto, mit dem schon die Eltern und Großeltern fuhren, soll es einfach nicht mehr geben?

Für Martin Ebert, den damaligen Studenten der Elektrotechnik in Karlsruhe, ist der Rückzug der Wolfsburger eher ein Grund zur Freude, denn plötzlich hat er die Geschäftsidee, mit der er sein Studium finanzieren kann. Zusammen mit zwei Kommilitonen will er Käfer auf eigene Faust von Pueblo nach Deutschland holen. Die drei starten eine Art Testballon, eine Anzeige in einer großen Autozeitschrift: »Er läuft und läuft und läuft… Bald läuft er wieder. - Neue Käfer aus Mexiko für 17.500 Mark.« Die Resonanz ist überwältigend. »Auf den Vierzeiler antworteten über 100 Interessenten. Da wußten wir, daß wir anfangen können.«. Die drei Käferbesessenen buchen eine Urlaubsreise nach Mexiko und holen das erste Exemplar über den Atlantik. So einfach, wie sie es sich anfangs vorstellten, ist die Sache allerdings nicht. Der deutsche TÜV verweigert die Zulassung: zu hohe Abgaswerte, zu schwache Bremsen und vor allem zu laut. Um die deutschen Richtlinien zu erfüllen, muß das Fahrzeug technisch komplett überarbeitet werden. Nach unzähligen, monatelangen Gesprächen mit Zulieferern steht Ende 1990 der technischen Abnahme nichts mehr im Weg. Das Fahrzeug bekommt in Deutschland eine neue Auspuffanlage inklusive Katalysator. Getriebe, Kupplung und Motor werden modifiziert, das Standlicht nachgerüstet. Angenehmer Nebeneffekt: Die Leistung des luftgekühlten Boxermotors steigt von 46 auf 54 PS. Der Spritverbrauch geht trotzdem runter.

Der Import im großen Stil kann beginnen. Anfang 1991 werden die ersten Fahrzeuge in Mexiko aufs Schiff verladen. Drei Wochen später treffen sie in Deutschland ein. »Die waren natürlich sofort weg.« Aus dem Hobby, »nebenbei ein paar Käfer zu holen«, wird ein richtiges Unternehmen: die Beetles Revival GmbH. Für drei Studenten mit unterschiedlichen Lebenszielen ist das offensichtlich eine Nummer zu groß. Die drei trennen sich. Ebert nimmt die Geschäfte selbst in die Hand und sucht nach einem Standort. »Wir sind so einzigartig in Deutschland, da ist es eigentlich egal, wo wir sitzen.« Preiswert sollte das Gewerbegrundstück sein sowie in Autobahnnähe liegen - und irgendein Förderkblueit wäre auch nicht schlecht. Außerdem möchte Ebert es nicht so weit bis zu seinem Heimatort Lüneburg haben. »Da kam eigentlich nur Mecklenburg-Vorpommern in Frage.« In Wöbbelin an der A24 findet er eine stillgelegte LPG, die sich für sein Vorhaben bestens eignet. Nur mit dem Förderkblueit will es nicht so recht klappen. Ebert ist sauer: »Wenn du einen Sockenladen aufmachen willst, dann gucken die in die Stadt, ob es da schon einen gibt. Und wenn nicht, dann bekommst du das Geld. So einfach ist das!« Mit dem Käfer konnten die ostdeutschen Nachwende-Banker nichts anfangen. Ebert hatte trotzdem Glück: In der Kblueitbank saß ein Käferfreund in der entscheidenden Position.

Mitte Januar 1993 geht es los: »Morgens hielt ich meinen Diplomvortrag in Hamburg, und abends begann die Arbeit in Wöbbelin.« Anfangs hatte Ebert dort nur seinen Studententurm: Kühlschrank, Mikrowelle und obenauf die Kaffeemaschine. In nur vier Monaten wird aus dem maroden LPG-Gebäude ein moderner Kfz-Betrieb. Ebert erinnert sich gern an die Zeit, auch weil er seine Frau Melanie kennenlernt, schräg gegenüber im Dorfgasthof. Die Wöbbeliner beobachten das Treiben auf ihrer alten LPG mit Distanz. »Die haben nur von weitem geguckt und kaum Fragen gestellt.« Wahrscheinlich hatte jeder mit sich selbst zu tun. Erst als Ebert seine Werkstatt eröffnet, bricht das Eis. Die ersten Kunden kommen aus dem Dorf: »Wenn ihr hier Käfer könnt, dann müßt ihr doch auch Lada und Trabant können. Wöbbelin wird zum Mekka der Käferfans, nicht nur der nagelneuen klassischen Käfer wegen. Für Zulauf aus ganz Europa sorgt vor allem ein weiteres Modell: das Käfer Cabrio. Das entsteht in der eigenen Werkstatt, TÜV-geprüft, sofort zulassungsfähig, ohne auch nur eine einzige Ausnahmegenehmigung. Das Geschäft floriert. Nicht nur vermögende Privatleute greifen zu, sondern auch Ferrero, Tucha Weizen oder Dr. Oetker kaufen Eberts Käfercabriolets - als attraktive Quizpreise und für Werbezwecke. Der Spaß, ein Kultauto zu fahren, ist nicht ganz billig. Rund 20 000 Mark kostet das Original, 36 000 Mark Aufpreis das Cabrio. »Vergangenes Jahr warn die noch billiger«, sagt Ebert, »aber jetzt kämpfen wir mit dem hohen Dollar.« Der schwache Euro macht auch um Wöbbelin keinen Bogen.

Um den Absatz brauchen sich der Unternehmer und seine inzwischen acht Mitarbeiter nicht zu sorgen. Seit kurzem haben sie eine neue Zugnummer im Programm: das New Beetle Cabrio. Schon länger trug Ebert die Idee mit sich herum, auch aus dem neuen amerikanischen Käfermodell ein Cabrio zu machen, wußte aber nicht, wie er das Projekt finanzieren soll. Und wieder kommt ihm der Zufall zu Hilfe - in Gestalt eines Reservereifens, den ein auf der Autobahn vor ihm fahrender LKW verliert. Ebert ist mit seinem brandneuen geschlossenen Beetle unterwegs und kann dem Reifen in letzter Sekunde ausweichen. Sein Wagen überschlägt sich. Da das Dach völlig im Eimer ist und da ihm die Versicherung eine größere Summe für den Schaden bezahlt, kann Ebert sein Projekt endlich verwirklichen. Er sägt das Dach ab und baut den Prototyp seines New Beetle Cabrio. Nach monatelanger Entwicklungs- und Prüfarbeit bekommt er für den Umbau auch den Segen des TÜV. Der amerikanischen Oben-ohne-Version des New Beetle hingegen gelang es bis jetzt nicht, für deutsche Straßen zugelassen zu werden. In Hamburg oder Berlin würde der 60 000 Mark teure zitronengelbe Traumwagen für neidische Blicke sorgen, in Wöbbelin gehören die bunten Blechkäfer genauso zum Dorfbild wie Traktoren oder Mähdrescher. Volkswagen in Wolfsburg beschloß kürzlich, den offenen Beetle in Deutschland gar nicht auf den Markt zu bringen. Zu schleppend liefe schon der Verkauf der geschlossenen Version. Die Mecklenburger dagegen produzieren ihr Beetle-Cabrio bereits in Serie - und stahlen dem Autoriesen damit die Show. (Das Magazin 8/1999 - Seite: 38 - Oben ohne in Wöbbelin Wirtschaft) (ck,Aug.99)

Das Magazin - Inhaltsverzeichnis - Heft 8/1999

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